Der Hamburger Michy Reincke liebt und lebt seine Musik. Das Alster-Magazin traf sich mit dem 53-Jährigen im Literaturhaus Café auf der Uhlenhorst und sprach mit ihm über die Bedeutung von Musik, den Verfall der Gesellschaft und sein neues Album „Der Name kommt mir nicht bekannt vor“.
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Alster-Magazin: Wie sind Sie zur Musik gekommen?
Michy Reincke: Ich habe mit 15 angefangen Gitarre zu spielen. Dieses Einsteigen in Musik und Texte vergleiche ich gern damit, das erste Mal eine Taucherbrille aufzusetzen und ein Korallenriff zu sehen. Das ist eine komplett neue Welt.
Was bedeutet Ihnen Musik?
Musik ist alles. Sie ist die Essenz des menschlichen Bewusstseins. Moderne Linguisten gehen davon aus, dass Sprache aus Musik entstanden ist. Heute ist Musik in der Wahrnehmung eher degeneriert. Sie wird darauf reduziert, welchen wirtschaftlichen Nutzen sie hat und entwertet sich als Kulturgut.
Ist das in anderen Kulturen anders?
Ich glaube, dass es in den Kulturen, wo man demütiger mit dem Geschenk, dem Bewusstsein und der Idee des Lebens umgeht, prinzipiell etwas gesünder ist. Ich halte unsere Gesellschaft für süchtig, hochneurotisch und pathologisch ungesund.
Zählen Sie sich dazu?
Aus der Nummer kommt keiner raus. Aber ich bilde mir ein, dass es möglich ist, gesund zu werden und wach zu bleiben, indem ich Dinge wie schlechtes Essen, überflüssige Bücher, degeneriertes Fernsehen, sehr übertriebene und dumme Menschen und banale Musik ausklammere.
Also ist beispielsweise Rihannas Musik wertlos?
Musik hat natürlich immer auch einen unterhaltenden Aspekt. Ich hab nichts gegen Lady Gaga und Bruno Mars – ich muss sie mir ja nicht anhören. Aber wenn zwei Generationen damit aufwachsen, dass sich die Qualität der Musik nur nach Hitparaden bemisst, ist das absurd.
Wonach bemessen Sie die Qualität von Musik?
Nach ihrem geistigen Nutzen. Kultur ist kein Konzern. Es gibt sehr viele Konzerne, deren Geschäftsidee es ist, Kultur wirtschaftlich zu kontrollieren. Das mag von Vorteil für die Konzerne sein, aber sicher nicht für die Sensibilität und Klugheit einer Gesellschaft.
Reden wir über Ihr neues Album – wie kam es zu dem Titel?
Auf dem Cover weigere ich mich, mein Gesicht oder ein Label zu zeigen. Es ist der Versuch, humorvoll zu sein und darauf hinzuweisen, dass wir in einer Kultur leben, die mehr an Popularität interessiert ist, als an dem Wert einer Sache. Ich möchte, dass meine Musik als Musik wahrgenommen wird und nicht als Produkt.
Macht es Ihre Musik nicht auch zum Produkt, wenn Sie sie verkaufen?
Klar lebe ich davon und arbeite damit, meine künstlerischen Ergebnisse zum Verkauf anzubieten. Aber das bin ich als Musik und ich bin kein Schokoriegel oder eine Waschmaschine. Wolken lassen sich nicht einmauern. Musik ist unser aller Freund wie der Wald oder das Meer.
Wie unterscheidet sich das Album von den vorherigen?
Interessanterweise eigentlich kaum. Ich bin im Studio genauso gewesen wie immer und habe meine Lieder aufgenommen.
Ein Song beschäftigt sich mit Hamburg – was ist für Sie das schönste an der Stadt?
In Hamburg steckt wesentlich mehr Musik drin, als in anderen Städten. Auch die Menschen sind – durch Hamburgs Historie als Hafenstadt – ein sehr tolerantes und lässiges Völkchen.
Demnächst spielen Sie auf dem Presseball im Hotel Atlantic, was steht 2012 sonst noch an?
Meine Tournee startet Anfang März, auf der wir das neue Album präsentieren werden. Es gibt außerdem wieder Konzerte der Veranstaltungsreihe „Lausch Lounge“, die ich mit meinen Freunden seit sieben Jahren betreue. Außerdem will ich ein Buch schreiben – ich weiß aber nicht, ob das schon dieses Jahr klappt.
Wenn Sie einen Wunsch für dieses Jahr freihätten, was würden Sie sich wünschen?
Ganz einfach: Ich würd mir wünschen, dass die Klugen nicht immer nachgeben. Evelin Timm (e.timm@alster-net.de)











